Diese 1500 Unternehmen befeuern illegale Kriege weltweit mit Waffen
Diese 1500 Firmen befeuern illegale Kriege weltweit – mehr als die Hälfte der beteiligten Unternehmen stammt aus nur acht Ländern.
- Rüstungsunternehmen landen dabei zunehmend in nachhaltig gelabelten Investmentfonds
Update der ExitArms-Datenbank
Die NGO Facing Finance hat heute ein Update der „ExitArms“-Datenbank veröffentlicht. Es handelt sich hierbei um die einzige öffentliche, globale Datenbank zu Unternehmen, die Waffen an Kriegsparteien liefern, die an völkerrechtswidrigen Kriegen beteiligt sind. Die Datenbank erfasst 1523 Unternehmen, die zwischen 2017 und 2025 direkt, über Tochtergesellschaften oder über Joint Ventures an Rüstungsexporten in Kriegsgebiete beteiligt waren.[1]
Die meisten Unternehmen, die Waffen für völkerrechtswidrige Kriege liefern, haben ihren Sitz in diesen Ländern: USA (223 Unternehmen), Russland (120), Großbritannien (117), China, inkl. Hongkong (107), Deutschland (96), Vereinigte Arabische Emirate (78), Türkei (70), Frankreich (66). Zusammen stammen damit mehr als 57 % der Unternehmen, denen entsprechende Rüstungsexporte nachgewiesen werden konnten, aus diesen acht Ländern. Das zeigt, wie stark der globale Rüstungshandel konzentriert ist
Unternehmen aus Russland und Israel zählten bis 2022/2023 zu denjenigen, die weltweit und im größten UmfangWaffen in Kriegsgebiete exportiert haben. In den letzten Jahren sind diese Exporte stark zurückgegangen, da sich u.a. russische und israelische Firmen auf die Ausstattung der Armeen ihrer Heimatländer für die jeweiligen Angriffskriege fokussiert haben.
Die meisten Unternehmen, die Waffen in Kriegsgebiete exportiert haben, haben ihren Hauptsitz in folgenden Städten[2]: d d: Moskau (46 Unternehmen), Peking (34), Abu Dhabi (29), Dubai, Singapur, Istanbul (je 25), Teheran (22), Paris (20). Unter den deutschen Städten führen München (10 Firmen) und Kiel (9) die Liste an.
Die „ExitArms“-Datenbank ermöglicht Usern einen differenzierten Blick auf Rüstungsfirmen. Angesichts eines versuchten Imagewandels der Rüstungsindustrie hin zu einem ‚Garanten für Sicherheit und Nachhaltigkeit‘ sagt Frederike Potts, Geschäftsführerin von Facing Finance: „In der öffentlichen Debatte wird häufig übersehen, dass Rüstungsunternehmen nicht nur für die Landesverteidigung oder zur Unterstützung der Ukraine produzieren, sondern auch weiterhin weltweit Krieg führende, menschenrechtsverletzende Autokratien beliefern.“
Obwohl die Auftragslage für die Industrie in Europa angesichts stark steigender Rüstungsbudgets sehr gut ist, setzen europäische Rüstungsfirmen ihre Waffenlieferungen in völkerrechtswidrige Kriegsgebiete weltweit fort.[3] Mit Blick auf die Finanzbranche konterkariert das jene Finanzinstitute, die derzeit beginnen, auch mit ihren nachhaltig gelabelten Fonds in Rüstungsfirmen zu investieren, angeblich zur ‚Unterstützung der Sicherheit und Freiheit Europas‘. ExitArms-Researcher Luca Schiewe kritisiert: „Dadurch landen in nachhaltig gelabelten Investmentfonds immer mehr Unternehmen, die völkerrechtswidrige Kriege mit Waffenlieferungen anheizen oder diese gar erst ermöglichen. Diese Entwicklung ist für die Glaubwürdigkeit nachhaltig gelabelter Investmentprodukte und aus Verbraucherschutzsicht fatal.“
Die meisten Lieferungen in Kriegsgebiete im Untersuchungszeitraum hat der russische Staatskonzern Rostec, mit Waffenlieferungen an 33 an verschiedene Kriegsparteien, zu verantworten. Gefolgt von Leonardo, Italien (23 verschiedene Kriegsparteien), RTX, USA (23), Airbus, Europa (21), Norinco, China (20), Textron, USA (20), Baykar, Türkei (20), Lockheed Martin, USA (19), BAE Systems, UK (18), Thales, Frankreich (16), Boeing, USA (15), AVIC, China (15).
Von den 96 erfassten deutschen Unternehmen, lieferten die deutsche Airbus-Tochter Airbus Defence and Space (14 verschiedene Kriegsparteien), die Rolls-Royce Tochter MTU Friedrichshafen (12), KNDS[4] (12), Rheinmetall (11), Volkswagen[5] (10) am häufigsten in Kriegsgebiete.
Die Datenbank ist frei zugänglich. Zudem stellen wir eine auf Finanzinstitute zugeschnittene Investorenliste auf Nachfrage gerne zur Verfügung.
Annex
Spotlight Libyen: 176 ausländischen Firmen wurde nachgewiesen, dass sie nach Ausbruch des zweiten libyschen Bürgerkriegs zwischen GNA (Tripolis) und HAF (Tobruk) 2014 Waffen nach Libyen geliefert haben. Rostec (Russland), MSPV, Streit (VAE), Aselsan, Roketsan (Türkei) fielen durch wiederholte Lieferungen auf.
Spotlight Gaza: 205 ausländische Unternehmen haben nachweislich seit Beginn des Gaza Krieges Ende 2023 – der von einigen Staaten als Genozid bewertet wird – Waffen an die israelische Armee geliefert; vor allem General Dynamics, RTX, Lockheed Martin, Boeing, Honeywell (alle USA).
Spotlight Myanmar: 163 ausländischen Firmen wurde nachgewiesen, dass sie nach Beginn des Genozids an den Rohingya 2017 Waffen an das myanmarische Militär geliefert haben; vor allem Rostec, Russian Helicopters (Russland), Norinco, AVIC (China), Bharat Electronics (Indien), Ukrainian Defense Industry JSC (Ukraine).
Spotlight Russland: 44 ausländischen Firmen wurde nachgewiesen, dass sie nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 Waffen nach Russland geliefert haben; vor allem Beretta Holding (Luxemburg), HESA, Shahed Aviation Industries, Qods Aviation Industry Company (Iran).
Spotlight Sudan: 44 ausländischen Firmen wurde nachgewiesen, dass sie nach Beginn des Sudankriegs 2023 und des Genozids der RSF-Milizen an nicht-arabischen Gruppen in Darfur Waffen in den Sudan geliefert haben; vor allem Rostec (Russland), Sarsilmaz, Baykar (Türkei), EDGE, Streit (VAE).
Spotlight Jemen: 217 ausländischen Firmen wurde nachgewiesen, dass sie nach Beginn der Eskalation des Jemenkriegs durch den Kriegseintritt von Saudi-Arabien und VAE 2015 Waffen für den Jemenkrieg geliefert haben; vor allem General Dynamics, RTX, Lockheed Martin, Boeing (USA), Rheinmetall (Deutschland), Krusik (Serbien), Transmobile (Bulgarien), LIG (Südkorea), Rolls-Royce, BAE Systems (UK), Leonardo (Italien), Airbus, Thales (Frankreich).
Aufrüsten beider Seiten: Die Analyse deckt Waffenlieferungen an beide Seiten hochgradig instabiler Konflikte auf. Dies zeigt, dass diese Rüstungsexporte nicht dem strategischen Ziel dienen, eine bestimmte Konfliktpartei zu unterstützen, sondern den Konflikt durch die Bewaffnung beider Seiten weiter anheizen:
- Armenien und Aserbaidschan: Unternehmen wie NPO High-Precision Weapons und UralVagonZavod beliefern beide Parteien im Bergkarabachkrieg mit Waffen.
- Indien und Pakistan: Westliche Rüstungsfirmen wie Airbus, Lockheed Martin, RTX, Hensoldt und Leonardo beliefern beide Länder, zwischen denen immer wieder kürzere Kriege ausbrechen.
- Saudi-Arabien und Iran: Russische Unternehmen wie Rostec belieferten beide Seiten des saudi-iranischen Konflikts, während sich beide Länder im Jemen-Krieg gegenüber standen.
Rüstung und Sustainable Finance
Die ExitArms-Datenbank hat auch Implikationen für die aktuelle Debatte über die Nachhaltigkeit von Rüstungsinvestitionen. Nachhaltig gelabelte Investmentfonds waren in der Vergangenheit oft zurückhaltend, in Waffen zu investieren. In den letzten Monaten haben jedoch große Vermögensverwalter damit begonnen, Rüstungsunternehmen in ihre ESG-Fonds aufzunehmen. Gemäß den ESMA-Leitlinien, die die Regeln für Investmentfonds in Europa festlegen, können ESG-Fonds in alle Rüstungsunternehmen investieren, die keine bestimmten geächteten Waffen (Streubomben, Antipersonenminen, Bio- und Chemiewaffen) produzieren.
ESG-Fondsmanager, die beginnen, in Rüstungsunternehmen zu investieren, argumentieren in der Regel mit der Bedeutung der Ausrüstung von EU-Armeen für die Landesverteidigung demokratischer Staaten. Damit folgen sie der Argumentation der Rüstungslobby, die bereits vor der russischen Invasion in der Ukraine versuchte, die Rüstungsindustrie als „Garant für Sicherheit und Nachhaltigkeit“ darzustellen. Der wahre Grund für den Meinungsumschwung der ESG-Fondsmanager scheint hingegen, dass Rüstungsaktien in den letzten drei Jahren stark an Wert gewonnen haben und Investmentfonds, die nicht in die Rüstungsindustrie investiert waren, diesen Renditeschub verpasst haben.
Die ExitArms-Datenbank zeigt, dass westliche Rüstungsunternehmen nicht nur EU-Armeen ausrüsten, sondern auch Waffen in Kriegsgebiete wie den Jemen, Syrien, Libyen, Sudan, Gaza und Myanmar exportieren. Die Frage, ob EU-Staaten jetzt in Verteidigung investieren müssen, ist eine ganz andere als die Frage, ob ESG-Fonds in die Rüstungsindustrie investieren sollten. Die Tatsache, dass Waffenproduktion notwendig sein mag, bedeutet nicht, dass Investitionen privater Finanzinstitute in die Rüstungsindustrie nachhaltig sind.
Es gibt wenig Hoffnung, dass sich die Exportpraxis europäischer Rüstungsfirmen künftig bessert, denn die EU-Kommission plant derzeit ein Gesetzespaket namens „Defence Omnibus“, das die bereits heute geringe Transparenz weiter senken, Standards absenken, korrupte Rüstungsdeals erleichtern und Waffenexporte in Drittländer verschleiern würde.
Ziel der Datenbank
Es ist die einzige öffentliche, globale Datenbank zu Unternehmen, die an Rüstungsexporten an Kriegsparteien beteiligt sind. Hauptzielgruppe sind Finanzinstitute, denen die Datenbank eine systematische Basis zur Betrachtung von Rüstungsunternehmen bietet für entsprechende Kreditrichtlinien, Engagement oder Divestment. Zudem richtet sich die Datenbank als Informationsquelle an Politik, Regulatoren, Wissenschaft, Medien und Zivilgesellschaft.
Methodik
Facing Finance hat im Zeitraum 2017–2025[6] tausende Rüstungsexporte an Kriegsparteien[7] analysiert. Die Definition von Kriegsgebieten basiert auf dem Kriterium der Konfliktintensität des Heidelberger Konfliktbarometers.[8] Kriege mit völkerrechtlicher Legitimation – durch ein Mandat des UN-Sicherheitsrats oder nach Art.51 der UN-Charta – wurden ausgenommen.
Facing Finance sammelt durch unabhängige Recherchen Informationen über die verantwortlichen Unternehmen. Ziel dieser Untersuchung ist es, die tatsächliche direkte Verantwortung[9] eines Unternehmens für den Waffenexport nachzuweisen und nicht nur die Tatsache, dass das jeweilige Unternehmen der Hersteller dieser Waffe ist.
Um Waffenlieferungen in Kriegsgebiete zu untersuchen und die Verantwortung einzelner Unternehmen für spezifische Rüstungsexporte zu identifizieren, haben wir das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), UN-Berichte, Sanktionslisten, akademische Publikationen, Fachzeitschriften, themenspezifische Websites, kommerzielle Datenbanken, unabhängige Web-Recherchen, Websites von Rüstungsunternehmen, Materialien von Waffenmessen, Broschüren von Rüstungsunternehmen, Regierungs-Websites sowie Vor-Ort-Recherchen auf Waffenmessen herangezogen. Mehr Infos hier.
[1] Hinzu kommen Hunderte Firmen, die gemeinsam mit ausländischen Rüstungsunternehmen eine Kriegspartei beliefern, aber ihren Sitz vor Ort im Konfliktland haben. Daher gelten diese nicht als Exporte und werden hier nicht dazugezählt.
[2] Der Hauptsitz unterscheidet sich teilweise vom Ort der Produktionsstätte.
[3] Ob die in Europa Fahrt aufnehmende Aufrüstung in den nächsten Jahren dafür sorgt, dass sich viele Rüstungsfirmen auf Aufträge der europäischen Armeen fokussieren und weniger Waffen in Kriege weltweit exportieren, lässt sich mit der ExitArms-Datenbank, die ja Rüstungsexporte in der Vergangenheit analysiert, nicht beantworten.
[4] Ehemals bekannt als Krauss Maffei Wegmann (KMW).
[5] Volkswagen ist involviert über seine Tochterfirmen Traton und Everllence (früher MAN Energy Solutions).
[6] Die Recherche der Waffenlieferungen 2024 und 2025 ist noch nicht abgeschlossen und hält an.
[7] Als „Kriegsparteien“ werden Länder bezeichnet, in denen Kriege herrschen, sowie externe Gruppen, Milizen und Staaten, die direkt durch Truppen an einem Krieg in einem anderen Land beteiligt sind.
[8] Es wurden nur Konflikte berücksichtigt, die die Intensitätsstufe vier (begrenzter Krieg) oder fünf (Krieg) erreichten. Die Methodik des Heidelberger Konfliktbarometers findet sich unter https://hiik.de/hiik/methodik/
[9] Die Verantwortung der untersuchten Unternehmen umfasst die Produktion, Lizensierung, Modernisierung, Entwicklung, Reparatur, den Verkauf und den Transport von Rüstungsgütern in Kriegsgebiete.